Das Elbe Syndrom - Maisach im Herbst 2007
 Motoryacht Pelikan Erlebnisberichte von Peter Uebach über das Charterbootfahren.
Die Idee zu diesen Berichten kam uns, dass sind meine Frau Gaby und ich, nachdem wir immer nach jeder Bootstour, für Bekannte und Freunde eine kleine Törninformation verfassten.
Als wir unsere norddeutsche Heimat, Mitte der achtziger Jahre aus beruflichen Gründen verlassen hatten und nach Bayern zogen, wurde das Maritime etwas aus den Auge verloren. Eine Veränderung trat Anfang der neunziger Jahre ein, als wir aus steuerlichen Gründen ein Ferienhaus am Jadebusen direkt hinter dem Deich bauten, und stolze gewerbetreibende wurden mit einer Ferienhausvermietung.
Das Maritime rückte wieder etwas in den Vordergrund und wurde bei unseren Fernreisen auch gelebt, eine Bootstour gehörte immer mit zum Erlebnisurlaub in Asien oder sonstwo auf der Welt.
Das Bootfahren lernte ich bereits in der Jugend, wir hatten zu hause ein Metzler Schlauchboot mit einem 8 PS Yamaha-Außenbortmotor und bretterten auf der Weser und Aller rum. Auch die Wasserausbildung beim Technischen Hilfswerk (THW) in Bremen sowie die alljährlich im Herbst wiederkehrenden Hochwassereinsätze taten ihr übriges. Gaby kam zum Bootfahren durch das THW in Bayern und unseren Kameraden von der Wasserwacht Fürstenfeldbruck, hier bot sich 2003 die Gelegenheit über die Wasserwacht kostenneutral einen Bootsführerschein Binnen zu erwerben. Es wurde über den Winter auf dem Ammersee in Oberbayern kräftig Praxisausbildung unter realen Bedingungen geübt, egal ob Schnee oder ein teilweise zugefrorener See. Im April 2004 hielt Gaby ihren Sportbootführerschein Binnen vom DMYV in Händen, dass Patent von der Wasserwacht wurde anerkannt.
Kapitel 1
Im September 2004 besuchten wir die Messe Interboot Friedrichshafen, eigentlich waren wir nur hier um fehlende Ausrüstungsgegenstände für unsere Wassergruppe des THW- Fürstenfeldbruck zu kaufen, von der Messe waren wir überwältigt, es gab Boote in Hülle und Fülle, Bootsausrüster, also alles ums Boot.
Hier lernten wir auch ein Ehepaar kennen, die einen kleinen Messestand betrieben und etwas im Messetrubel untergingen, es war ein Yacht-Charterbetrieb aus Potsdam, genauer aus Töplitz, der die Schönheiten der Märkischen und Berliner Gewässer anpries. Wir ließen uns Informationsmaterial geben und schlenderten weiter.
Im Winter hörten wir von unserer Nichte aus Hamburg, dass sie ihren Urlaub auf der Müritz und in Berlin auf einer Charteryacht im Sommer verbracht hat und ganz begeistert ist. Da man im Winter mehr Zeit hat als in anderen Jahreszeiten suchten wir die Hochglanz- Broschüre des Charterunternehmens aus Töplitz im ganzen Haus und wurden unter einem Stapel Papier fündig. Jetzt schauten wir uns diese Information doch einmal genauer an, ein Boot gefiel uns beiden sofort, es war die Pelikan, eine holländische Stahlyacht der Gruno Werft. Für den Einstieg als Charterbootsfahrer wollten wir einen Versuch im September 2005 für 1 Woche wagen und konnten diesen Urlaub mit einer seit längeren geplanten Reise nach Berlin verbinden.
Im Frühjahr besuchten wir die CBR- Messe (Caravan-Boot und Reisen) in München, war aber nicht so interessant wie die Interboot in Friedrichshafen. Irgendwie hat uns die Sucht nach Bootfahren gepackt.
Anfang September war es dann soweit, nach einem tollen Urlaub bei Verwandten in Haldensleben und einen längeren Aufenthalt in Berlin, machten wir uns auf den Weg nach Töplitz zum Yachthafen Ringel. Der erste Eindruck war überraschend, so hatten wir uns das hier nicht vorgestellt, Panzerplatten als Fahrweg und alte Kräne. Nachdem wir uns zum Bootsvermieter durchgefragten und ihn auch gefunden hatten, wurden wir herzlich begrüßt und die Formalitäten erledigt. Eine gründliche Einweisung bei 30 Grad und schönsten Wetter gab es auch noch und unsere Bitte doch eine Probefahrt zu machen, weil wir nur Pinne gewohnt sind und nicht Ruder und Gashebel, wurde erfüllt. Die Pelikan übertraf voll unsere Erwartungen, ein tolles Teil. Der Yachthafen sieht aber beim zweiten hinschauen sauber und aufgeräumt aus und die Sanitärräume sind prima in Schuss. Es ist halt alles etwas älter. Die Hafenklause ist ok, hier gibt es deftige Hausmannskost zu kleinen Preisen.
Jetzt sind wir Charterbootfahrer für eine Woche auf der Pelikan, wir haben unser Boot ausgerüstet, Proviant gebunkert und Fahrräder sind auch an Bord. Wir werden noch einmal auf die Sportschiffahrtskarten Binnen und die Sicherheitsausrüstung hingewiesen und dann kann es am Nachmittag losgehen.
Wir fahren vom großen Zernsee Richtung Havel, immer an so grünen und roten Tonnen vorbei, Gaby wühlt sich durch die Sportschiffahrtskarten um den rechten Weg zu finden und wirkt irgendwie angespannt. Auf der Havel fahren wir in Richtung Brandenburg, die erste Hürde, Gaby hat im Buch eine Seilfähre auf der Höhe Ketzin entdeckt und wir müssen Signal geben, beim Autofahren nennt man das hupen. Nun nähern wir uns Brandenburg, nächste Hürde, die Vorstadtschleuse mit ihrem Sportbootanleger auf der Backbordseite oder für uns damals noch links. Da ich fahre klappt es mit dem Anlegen am Anleger nicht so richtig, dass Bugstrahlruder ignoriere ich vollständig, sowas brauche ich nicht. Gaby hat den Festmacher in der Hand und steht wortlos am Anleger, ich beschimpfe sie mit sehr lauten Worten und prompt fliegt der Festmacher in meine Richtung, in dem Chaos habe ich die Lautsprecherdurchsage der Schleuse nicht gehört, die uns unmissverständlich auffordert, den Anleger sofort zu verlassen und in die Schleuse einzulaufen. Vor uns taucht ein Binnenschiff auf und braucht den ganzen Platz.
Etwas quer komme ich in die Schleuse und beim zweiten Anlauf sind wir an der Schleusen- Innenwand und überstehen unsere erste eigene Schleusung. Anschließend biegen wir hinter der Schleuse nach Backbord ab um an den Wasserwandrastplatz Brandenburg zu kommen.
Der Wasserwanderrastplatz in Brandenburg liegt mitten in der Stadt und ist doch sehr ruhig. Wir beschließen an diesem Tag erst einmal Ruhe an Bord, den so kann das nicht weiter gehen, ich habe anscheinend nicht die Ruhe bei schwierigen Manövern und wir müssen uns über die Abläufe an Bord besser verständigen. Lösung Gaby fährt und ich mach den Rest.
Nächster Tag von Brandenburg geht es nach Rathenow, wir kommen jetzt auch mit den Sport-schifferkarten besser klar und wissen zu mindestens wo wir hinwollen und wo wir im Augenblick sind, wir fahren die Havel in Richtung Pritzerbe, nächste Herausforderung, Schleuse, dass Anlegen klappt, Gaby führt ruhig das Schiff, in der Schleuse wieder Hektik, Gaby verlässt der Mut und übergibt mir das Ruder, aber alles geht gut. Ein bisschen Stolz laufen wir aus der Schleuse raus und kommen abends im Rathenower Wassersportverein an, Altstadtfest ist auch und es wird ein schöner Abend mit Wassersportlern aus Hamburg die seit 2 Wochen über die Müritz-Berlin-Havel-Elbe nach Hamburg wollen, Charterfahrer wie wir aus Berlin gesellen sich dazu.
Nächster Tag, die Hamburger wirken etwas nervös und erkundigen sich über Funk, wie es mit den Wasserstände der Elbe aussieht, für uns unverständlich, wir wollen so schnell wie möglich nach Havelberg ,liegt zwar an der Havel, aber was geht das uns an. Hier taucht zum ersten Mal das Elbe Syndrom auf, erst ein paar Jahre später sollten Gaby und ich es lieben und fürchten lernen.
Unsere Charterfahrer aus Berlin haben ein GFK-Boot von einem Vermieter aus der Nähe von Brandenburg zum Schnäppchenpreis bekommen, schon etwas älter aber es fährt. Nun geht es gemeinsam mit uns in die Schleuse Rathenow, dass GFK-Boot voran, bei der Einfahrt sehen wir die schiefen Schleusenwände und benutzen die großen Ballonfender um Abstand zu halten. Die Berliner kämpfen mit ihren Bootshacken und Leinen und setzen beim Schleusenvorgang, wir fahren zu Tal, seitlich mit ihrem Boot auf. Es scheppert ziemlich laut in der Schleuse als sich das Boot auf den Weg nach unten verabschiedet und ein bisschen Kunststoff verliert, die Stimmung an Bord ist auch prima man schreit sich gegenseitig an.
Gaby und ich schauen uns an und denken das Gleiche, gestern haben wir uns auch lautstark unterhalten, so etwas darf uns nicht mehr passieren.
Durch eine schöne Landschaft fahren oder gleiten wir nun in Richtung Havelberg, zum ersten Mal genießen wir die Bootsfahrt und finden es einfach toll.
Nächste Hürde, Schleuse und das Wetter ist schlecht, souverän fährt Gaby in die Schleuse und ich komme mit den Halteleinen auch gut klar, wir werden bei jedem neuen Schleusengang sicherer. Vorne im GFK-Boot der Berliner immer noch prima Stimmung, Lautstarke Unterhaltung.
Am späten Nachmittag laufen wir im Havelberger Winterhafen ein und werden vom Hafenmeister Ehepaar sehr freundlich begrüßt, die Hamburger sind auch schon da aber wieder etwas nervös wegen der niedrigen Wasserstände auf der Elbe , man will morgen um 07:00 Uhr auslaufen und versuchen Lauenburg zu erreichen. Elbe Syndrom.
Das GFK-Boot der Berliner gibt im Winterhafen seinen Geist auf, große Aufregung, Batterien alle leer und die Notrufnummer des Vermieters stimmt auch nicht. Landstrom mag das Boot auch nicht, etwas ratlos stehen wir alle am Steg. Der Hafenmeister versucht zu helfen, kommt aber auch nicht weiter. Das Charterunternehmen will einen Monteur schicken aber das dauert.
Wir haben Fahrräder mit und erobern Havelberg, eine schöne alte Stadt mit einem Dom und Museum, es gibt viel zu sehen und zu entdecken. Wir beschließen zwei Tage hier zubleiben. Im Naturparkmuseum erleben wir was rechts und links der Havel los ist. Fischadler, Biber, Kraniche und vieles mehr aber keins der Tier haben wir bis jetzt gesehen.
Der Monteur aus Brandenburg versucht sein Bestes am Berliner Boot, kommt auch nicht weiter und erklärt der verdutzten Chartercrew, dass sie den Rest der Reise immer wieder ihre Batterien aufladen müssen und so wenig Strom wie möglich verbrauchen sollen. War ja schließlich auch ein Sonderpreis für die Woche. Die Berliner sind recht verärgert.
Abschied von Havelberg, wir laufen am frühen Morgen aus, die Berliner hinten dran, in Richtung Rathenow, dass Schleusen klappt jetzt prima und wir gewinnen immer mehr Sicherheit, auch haben wir endlich verstanden, was es bedeutet „Sog und Wellenschlag zu vermeiden“, wir können jetzt die Schifffahrtszeichen, ohne nachschlagen im Handbuch, sofort zuordnen.
Die Landschaft ist bei schönstem Wetter wie gemalt und jetzt sehen wir auch die Tiere, Reiher sitzen in den Bäumen, Fischadler ziehen ihre Kreise, Kormorane stürzen sich gierig in die Fluten auf der Jagd nach Fischen .
Ankunft in Rathenow Kanu-Verein, hier ist schwer was los, Kanuten über all mit einem schnellen Tempo, der Verein ist auch Olympiastützpunkt und Bundesleistungszentrum für Kanu-Sport. Abends Ankunft einer großen Charteryacht beim Kanu-Verein, wir rätseln alle wie die das Ding an den schmalen Steg zwischen zwei Booten „parken“ wollen. Aber nach kurzer Zeit liegt die Yacht fest am Steg, hat Bug und Heckstrahlruder. Wir entdecken, dass wir sowas auch haben, zumindest Bugstrahlruder, praktisch eingesetzt haben wir es noch nie.
Am Morgen legen wir in Rathenow ab und setzen zum erstmal unser Bugstrahlruder ein, es klappt alles so wie wir uns das vorgestellt haben. Frage, warum haben wir das Ding erst jetzt entdeckt? Wieder Schleusen, aber für uns kein Problem mehr, vor uns eine führerscheinfreie Crew auf einer Voyager Charteryacht in wilder Fahrt, wir halten Abstand, nach einiger Zeit gibt die Crew der Voyager ihr Vorhaben in die Schleuse einzulaufen auf und dreht bei. Ein reichlich verdutzter Schleusenwärter gibt einen entsprechenden Kommentar ab.
Wir erreichen am Nachmittag den Eisenbahner Segel Verein Kirchmöser, in der Karte ist vermerkt, dass sich links und rechts der Fahrrinne eine Untiefe befindet und eine südliche Anfahrt zum Hafen empfohlen wird, da ich am Ruder stehe nehme ich die Aufforderung, südlich zu genau und mache einen weiten Bogen, dass Echolot zeigt immer weniger Tiefe an, Gaby meint das ist wohl etwas zu weit und die Einfahrt ist 400m an Steuerbord , lauert hier etwa wieder das Elbe Syndrom. Gaby übernimmt das Ruder und zeigt mir wie man in den Hafen reinfährt, ich habe eine tolle Frau. Abends erkunden wir Kirchmöser, alte Stadt mit einem historischen Bahnausbesserungswerk. Abschiedsessen im Vereinsheim mit den Berlinern, die auch am Abend eingetroffen sind und sich ihrem Schicksal der stromlosen Zeit gefügt haben.
Das Wetter am nächsten Tag ist Durchschnitt, wir wollen heute noch einmal ausgiebig Boot fahren, ist auch unser letzter Tag, den morgen früh müssen wir es zurückgeben. Wir fahren von Kirchmöser in Richtung Brandenburg über die Vorstadtschleuse, Anmeldung zur Schleusung machen wir über Handy und nicht mehr über die Gegensprechanlage am Wartesteg für Sportboote, dies hat einen großen Vorteil, wenn das Schleusenpersonal gut drauf ist geht es gleich in die Schleuse und du brauchst nicht warten.
Von dort fahren wir über die Havel Richtung Großer Zernsee, Schwielowsee in die Potsdamer Gewässer, in diesen Gewässern gibt es auch wieder so rote und grüne Tonnen und schließlich in den Potsdamer Gewässern an einer roten Tone meldet sich unser Echolot „Tiefe wird weniger“ schon wieder Elbe Syndrom , aber zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch gar nicht was das für uns mal bedeutet. Nach diesem herrlichen Tag legen wir abends in Töplitz an und verbringen unsere letzte Nacht auf dem Schiff. Es hat alles gut geklappt und nachdem Gaby als Skipperin das Sagen hat und wir klare Absprachen der Seemannschaft gemacht haben, sind wir voller Tatendrang.
Morgens in Töplitz, wir geben die Pelikan vollgetankt zurück, eigentlich wollen wir das gar nicht, sondern weiterfahren, es war ein toller Urlaub und es hat uns sehr gefallen, jetzt hat uns die Sucht aufs Bootfahren gepackt. Die Fahrt mit dem Auto von Töplitz nach München verläuft auch ohne Probleme, Gaby meint nur ich fahre etwas langsam auf der Autobahn und nicht wie sonst zügig und schnell, vielleicht hat das was mit dem Bootfahren zutun, Gelassenheit stellt sich ein.
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